ÖGSR-Symposium am 23. Jänner 2013

Alljährlich lädt die Österreichische Gesellschaft für Schule und Recht home icon ÖGSR zu einem Symposium. Alljählich ist auch der VEV, seit 2012 Mitglied dieser Vereinigung, dort vertreten.


Kurzbericht

Prof. Helmut Engelbrecht (in seinem 89.Lebensjahr) beeindruckte mit einer profund zusammengestellten und präsentierten Übersicht zur Entwicklung der Leistungsbeurteilung in der europäische Schul-Geschichte seit dem Mittelalter. Erstaunlich aber auch vielsagend, wie spät und unter welchen Rahmenbedingungen die Feststellung und Dokumentation von schulischen Leistungen jeweils weiterentwickelt wurden und letztlich in den Vordergrund getreten sind.

Der „Vater der Leistungsbeurteilungsverordnung“, Sektionschef i.R. Felix Jonak erläuterte den langen und weiten Weg zur LBVO, die durch fast 40 Jahre ihrer Gültigkeit heftig diskutiert und – wie auch in den in den folgenden Vorträgen immer wieder aufgezeigt wurde – kaum vollständig richtig angewendet wird. Jonak erläuterte die Entscheidung, eine gemeinsame Bestimmung für alle Schulformen von der Grundstufe der Volksschule bis zur Reifeprüfung zu entwickeln. Er wies auf die Intentionen hin, die sich gleichsam zwischen den Zeilen und Abschnitten verbergen oder einfach übersehen werden. Die LBVO baut auf der autonomen Rolle des Klassenlehrers/der Klassenlehrerin auf. Diese/r kann und soll dabei die Lernarbeit und Fortschritte jedes Schülers/jeder Schülerin ebenso im Auge haben (Beurteilung der Mitarbeit) wie die Leistungen bei punktuellen Prüfungen und Schularbeiten. Der Referent wies unter anderem auf das zugrunde gelegte „Vertrauensverhältnis“ (Siehe § 2 (5) LBVO) zwischen Schüler/in und Lehrer/in hin. Klar grenzte sich Jonak von einer Interpretation der Notendefinitionen in Prozentzahlen ab, wie sie durch die Anwendung neuer zentraler Testformate seit einiger Zeit an der Tagesordnung ist.

Conclusio:

Die neuen bifie-Testformate sind grundsätzlich kaum in Einklang mit der geltenden LBVO zu bringen.

Ein besonderes Highlight stellte die Präsentation von Professor Georg Hans Neuweg dar, der ausgehend von einer Analyse des status quo aus der Arbeit einer Reformkommission berichtete. Seit 2011 werde von Expert/innen und Juristen am bm:ukk an einer großen Reform gearbeitet, die vor allem „totes Recht“ aus der alten Bestimmung beseitigen, neue Formen der Leistungsfeststellung berücksichtigen und die angestrebte Kompetenzorientierung explizit formulieren sollte. Mit sehr klaren Bildern machte der Vortragende klar, warum Kernkompetenzen nicht kompensiert werden könnten. Daraus entwickelte er die Idee des Kompetenzrasters, der der neuen LBVO als Struktur zugrunde liegen soll.

Conclusio:

Erfahrungen aus der in Wien seit den 1990er-Jahren eingesetzten lernzielorientierten Beurteilung (LOB) lassen sich sehr direkt auf das neue Konzept übertragen. Wir fragen uns allerdings besorgt wie es möglich sein soll, dieses neue Paradigma ohne die Mitarbeit der Schulpartner zu einem realisierbaren Stand zu entwickeln.

Aus Sicht der Pädagogischen Hochschule, die durch Lehrer/innenfortbildung wesentlich an der Implementierung kleiner und großer Neuerungen in der Umsetzung der LBVO und die Anbindung an Konzepte des Qualitätsmanagement wird, präsentierte Jutta Zemanek gemeinsam mit Vertreter/innen verschiedener Schulformen Schlaglichter aus dem Alltag.

Professor Stefan Hopmann brachte einen Streifzug durch unterschiedliche Konzepte der Leistungsbeurteilung im internationalen Vergleich ein. Er wies auf die unbeschreiblich große Zahl von vergleichenden Studien hin, die laufend veröffentlich werden. Gleichzeitig machte er klar, dass diese Vergleiche durch die jeweiligen Umstände der Schulwirklichkeit meist schwer zu deuten oder unbefriedigend ausfielen. In seinen Ausführungen legte er exemplarisch jüngste Entwicklungen in anderen europäischen Ländern vor. Er endete schließlich mit dem bedrohlich klaren Satz, dass die derzeitige Entwicklung in Österreich dazu ansetze, Dinge nachzumachen, von denen sich andere Schulsysteme bereits wieder abwandten.

Conclusio:

Die österreichische Elternvertretung hat sich von Anfang an kritisch aber positiv mit den Ansätzen von Bildungsstandards und Zentralisierung der Reifeprüfung auseinandergesetzt. Wir (VEV) haben in den letzten Gesetzesbegutachtungen und Diskussionen zunehmend kritische Fragen zu den „unerwünschten Nebenwirkungen“ der Zentralisierung aufgeworfen. Die klare Aussage von Professor Hopmann stimmt nun besonders bedenklich!

Ohne Bezugnahme auf das vorangegangene Referat und die Kritik an den Strategien zentraler Beurteilung präsentierte der provisorische Direktor des bifie-Wien Christian Dorninger die Modellansätze, die derzeit entwickelt würden. Er ging dabei nicht auf die Problematik ein, dass die versprochenen Übungsbeispiele derzeit nicht verfügbar seien, stellte aber die Formate der Probematura vor, die zur Weiterentwicklung der Testformate vorgesehen seien.

Anmerkung:

Aus dem am Dienstag, den 22. Jänner abgehaltenen Schulpartnerforum, einem Treffen von Vertreter/innen der Schulpartner aus den Bundesverbänden mit der Bundesministerin und ihren Expert/innen, wurde berichtet, dass zum Themenkomplex „Neue Reifeprüfung“ keine konkreten Informationen gegeben worden seien. Die Vertreter/innen des bm:ukk sehen keine Probleme in der Implementierung der Testformate. Es hätte aber auch keine Möglichkeit zum kritischen Diskurs gegeben.

In der abschließenden Podiumsdiskussion kam auch der Vorsitzende des VEV in seiner Rolle als europäischer Elternvertreter zu Wort. Die Debatte mit Michael Landertshammer (WKO), Erwin Niederwieser (AK Tirol) und Felix Wagner (Bundesschulsprecher) brachte wenig konkrete Auseinandersetzung mit den rechtlichen Aspekten der Leistungsbeurteilung.

„Wie geht es Ihnen, wenn Sie die Zeugnisnoten Ihres Kindes sehen?“ fragte Ute Brühl (Kurier) den Elternvertreter. Dieser ging dabei auf seine jüngste Erfahrung mit einem Reife- und Diplomprüfungszeugnis einer Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogik ein. Die Noten hätten ihren Wert besonders dadurch bekommen, dass seine Tochter nun im Berufsleben ihre erworbenen Kompetenzen erfolgreich unter Beweis stelle.

Der Bundesschulsprecher wurde zu der möglichen Wirkung von „Lehrerbeurteilung“ befragt und bekannte sich zu der langjährigen Forderung der Schüler nach verpflichtendem Lehrer/innen-Feedback. Ganz klar sprach er sich dabei gegen Hetzkampagnen aus. Er erhielt von allen Podiumsteilnehmern Unterstützung darin, dass solche Rückmeldungen für die Entwicklung der Unterrichtsmethodik besonders bereichernd sein könnten.

Zwei interessante Fragen aus dem Publikum konnten nicht erschöpfend behandelt werden. So klagte der Schulleiter einer BHS über die mangelnde Wertschätzung für die im Rahmen eines Auslandssemesters erworbenen Kompetenzen. Johannes Theiner wies auf die besonderen dabei zugänglichen Erfahrungen und den non-formalen Charakter dieses Lernens hin. Im Einklang mit dem Europäischen Qualifikationsrahmen wäre eine systematische Anerkennung dieser Lernergebnisse unbedingt anzustreben.

Die Frage einer Mutter nach der chaotischen Situation bei der Berücksichtigung von Teilleistungsschwächen (z.B. Legasthenie) wurde noch einmal die Frage von Rechtsansprüchen in der Leistungsbeurteilung aufgeworfen. Die Podiumsteilnehmer bestätigten die Bedeutung dieser Frage, doch wurde der juristische Aspekt nicht mehr analysiert.

J.Theiner